Warum Sie keine klassische Lebensversicherung haben sollten

Klassische oder kapitalbildende Lebens- und Rentenversicherungen gehören zu den schlechtesten Möglichkeiten, Geld anzulegen. Wenn Sie noch welche haben, sollten Sie sich ernsthaft überlegen, ob Sie die wirklich behalten wollen!

10 Gründe

1. Alle kapitalbildenden Lebensversicherungen in Deutschland investieren inzwischen zu mehr als 80 %, einige sogar zu mehr als 90 % in Rentenpapieren, also Staatsanleihen. Das sind Geldwerte, keine Sachwerte; die Kaufkraft schwindet also mit der Inflation. Bekommen Sie beispielsweise aus einer 40 Jahre lang besparten Lebensversicherung  100.000 Euro ausbezahlt, können sie bei einer durchschnittlichen Inflation von 2,5 % wie wir sie aktuell haben, noch für 37.243 Euro einkaufen. Bei einer Inflation von 7 %, wie wir sie zu D-Mark-Zeiten auch schon hatten, haben 100.000 Euro noch einen Gegenwert von 6.678 Euro. Bei einem Garantiezins von 4,0 % müssen Sie 41.184 Euro in den Sparanteil nach Abzug aller Kosten investieren. Je nach Versicherungsgesellschaft ist das bei einem reinen Todesfallschutz ohne sonstige Zusatzversicherungen ein monatlicher Gesamtbeitrag zwischen 110 und 160 Euro über 40 Jahre. Beim aktuellen Garantiezins von 1,75 % müssen Sie 69.216 Euro einzahlen, was einem monatlichen Gesamtbeitrag je nach Versicherungsgesellschaft zwischen 175 und 240 Euro entspricht.

2. Der Garantiezins in alten Verträgen liegt zwischen 2,25 % und 4,0 % und wurde in den letzten Jahren schrittweise auf 1,75 % abgesenkt. Das ist immer noch zuviel, denn mit den Staatsanleihen der vermeintlich krisenfesten Länder lässt sich seit vier Jahren nicht mehr als 2,0 % erwirtschaften. Um die hohen Garantiezinsen für Altverträge sowie auch noch Gewinne für die Versicherungsgesellschaft erwirtschaften zu können, brauchen Sie eine Rendite von mindestens 6,0 %. Was für Länder solche Renditen für Staatsanleihen abwerfen, haben Sie in den letzten Jahren in den Medien gelernt: Die, deren Kreditwürdigkeit als sehr bedenklich eingestuft wurden. Sie halten griechische Staatsanleihen für sicher? Freuen Sie sich, Sie halten in Ihren klassischen Lebensversicherungen einige davon.

3. Die Überschüsse sinken. Aufgrund der vorgegebenen Anlagestruktur und den Möglichkeiten, am Markt Gewinne zu erwirtschaften, werden die Überschüsse immer geringer. Haben Sie mal die Wertmitteilungen Ihrer Lebensversicherung alle nebeneinander gelegt? Sie werden sehen, dass die ursprünglich prognostizierten Ablaufleistungen sehr viel höher sind, als die auf den Wertmitteilungen der letzten Jahre. Das stellen jetzt besonders die Leute fest, die ihre Baufinanzierung mit einer Kapitallebensversicherung tilgen wollten. Die Banken haben seinerzeit die mit bis zu 7,5 % Rendite hochgerechneten Lebensversicherungen akzeptiert und heute bei Auszahlung kommt kaum mehr als die Garantie von 3,5 oder 4 % zum Tragen. Dann fehlen schnell mehrere zehntausend Euro, die man ggf. im Rentenalter noch tilgen muss.

4. Per Beschluss des Bundestages brauchen die Versicherer Ihnen demnächst nicht mehr alle Überschüsse auszahlen. Ab dem 30.10.2012 dürfen die Versicherungsgesellschaften ein Viertel Ihres Anteils an den stillen Reserven als Sicherungsbetrag einbehalten. Sie bekommen dann also nicht mehr alles ausgezahlt, was Ihnen gehört. Warum nicht? Ab dem 01.01.2013 tritt Solvency II in Kraft, eine EU-Verordnung, die den Versicherern strenge Auflagen u.a. zu den Kapitalreserven macht, um das Kapital der Sparer vor Fehlspekulationen zu schützen. Die Versicherer haben damit so ihre Schwierigkeiten und branchenintern geht man davon aus, dass es bis 2015 ein Viertel bis ein Drittel der deutschen Versicherungsunternehmen nicht mehr geben wird. Um das zu verhindern hat die Regierung vor ein paar Wochen beschlossen, dass nicht mehr alles Geld der Kunden ausgekehrt werden muss. Das ist schon absurd: Um das Guthaben der Sparer zu schützen, nimmt man ihnen ihr Guthaben weg…

5. Die Kapitaldecke der Lebensversicherer wird langfristig kleiner. Das liegt einfach daran, dass die Kapitallebensversicherung immer unattraktiver wird und immer weniger frisches Geld nachkommt, dass diesen Versicherungsform zur Verfügung steht. Irgendwann wird es nicht mehr genug sein, um die Versicherten auszuzahlen. Das ist lediglich eine Frage der Zeit.

6. Sicherheit ist ja immer ein Argument gewesen, das für die kapitalbildende Lebensversicherung angeführt wurde. Wie sicher ist eine Geldanlage, die keinen Inflationsschutz hat, in risikoreiche Staatsanleihen investieren muss, um Garantien per Definition darstellen zu können und deren Gewinnauszahlung an die Kunden per Regierungsbeschluss gekürzt wurden? Und es wird noch eigenartiger: Es gibt das Versicherungsaufsichtsgesetz. Gemäß § 89 ist ein Zahlungsverbot an die kunden möglich. Wenn die Versicherung schlecht wirtschaftet, also beispielsweise interne Kosten zu hoch sind und nicht genügend erwirtschaften kann, um das zu decken, wird kein Geld mehr an die Sparer ausgezahlt, also weder die fertig gesparten Verträge, noch die, die man vorzeitig kündigt. Ich habe bereits geschrieben, dass Solvency II schätzungsweise ein Viertel der Unternehmen verschwinden lassen wird. Hier würde dieser Paragraph greifen. Er greift auch, wenn ein Staat pleite geht, dessen Staatsanleihen massenhaft von den Versicherungen gehalten werden, und die dann von einem Tag auf den nächsten nichts mehr wert sind. Das ist auch kein so unvorstellbares Szenario mehr, oder?

7. Sicherheit soll auch die Protektor Lebensversicherung AG als Rückversicherung liefern. Jetzt fangen Sie einmal an zu zählen: Wieviele Nullen Unterschied sehen Sie?
700.000.000 Euro Bilanzsumme Protektor
250.000.000.000.000 Euro Guthaben der Sparer
Was meinen Sie, wieviele Versicherungen kann der Protektor retten?

8. Dass Kosten anfallen, ist normal, die haben Sie bei allen Investments, egal wie die konzipiert sind, sei es das fällige Agio oder Ausgabeaufschlag und laufende Kosten für Investmentfonds,  die Abschlussgebühr bei Bausparverträgen, wo die Gesellschaften an den niedrigen Zinsen massiv verdienen, ebenso wie beim Sparbuch oder Tagesgeld. Die Kostenstruktur von Versicherungen folgt jedoch selten finanzmathematischen Grundlagen, sondern versicherungsmathematischen. In der Kalkulation sind Versicherungen da völlig frei. Wie oben schon angedeutet entspricht der zu zahlende Monatsbeitrag nicht dem Kapital, dass tatsächlich angespart wird. Der monatliche Beitrag setzt sich zusammen aus:

  • Verwaltungskosten, die wegen der Abschlusskosten in den ersten Jahren sehr hoch sind,
  • Kosten für Versicherungsleistungen wie Todesfallschutz, Berufsunfähigkeitsschutz, etc.,
  • Protektorbeitrag, also die unzureichende Rückversicherung im Pleitefall, und dann endlich
  • der Sparanteil, also den Teil, auf den Tatsächlich die Garantiezinsen und die Überschüsse entfallen
Wenn in der Kapitallebensversicherung nur der Todesfall abgesichert ist, entfallen auf 100 Euro Beitrag bei deutschen Versicherungsgesellschaften lediglich 89 – 70 Euro auf den Sparanteil. Eine gleichwertige Todesfallabsicherung bekommen sie auch für weniger als 11 – 30 Euro Monatsbeitrag. Mit dem Geld im Sparanteil kann man dann viel Bedarfsgerechter arbeiten.
9. Es gibt keinen sinnvollen Grund, weshalb eine Risikoabsicherung an eine Kapitalanlage gekoppelt sein sollte. Es beruhigt lediglich das Gewissen bei der Vorstellung, kein Geld für eine Todesfallabsicherung wegzuschmeißen, ist wirtschaftlich aber nicht sinnvoll, da es den Sparern Flexibilität und Renditechancen nimmt.
10. Der Rückkaufswert ist immer zu niedrig, da viele Überschüsse erst am Ende der Laufzeit zugeteilt werden. Nach Verbraucherklagen müssen Versicherungsgesellschaften laut BGH-Urteil mindestens die Hälfte der eingezahlten Beiträge als Rückkaufswert wieder ausschütten, wenn der Vertrag vorzeitig gekündigt wird. Damit hat der BGH gängige Praxis festgeschrieben und einen Vorteil bietet das nur in den ersten fünf Jahren, wo die Abschlusskosten das Guthaben unter 50 % der Beiträge halten.
 Und jetzt?

 Es gibt nur eine Lösung: Die Kündigung. Diese lasse ich rechtsanwaltlich durchführen. Neben der Auskehr des Rückkaufswertes besteht die Chance, noch einen Nachschlag zu erzielen. Ob der kommt, wann und in welcher Höhe, kann ich nicht sagen.

Advertisements

The URI to TrackBack this entry is: https://sparschweintankwart.wordpress.com/2012/06/30/warum-sie-keine-klassische-lebensversicherung-haben-sollten/trackback/

RSS feed for comments on this post.

11 KommentareHinterlasse einen Kommentar

  1. Zahlen zu Punkt 5: Der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft e.V. (GDV) hat in seinen offiziellen Zahlen bekannt gegeben, dass die Stornoquote bei den klassischen Lebensversicherungen im letzten Jahr 7,4 % betragen hat. D.h., dass 7,4 % des Geldes letztes Jahr von den Versicherungen abgeflossen sind. Das ist mehr als im Vorjahr. Fazit: Den letzten beißen die Hunde, denn für den ist kaum noch was da…

  2. Dazu kommt noch die Frage wo die Versicherer ihr Geld noch anlegen können wenn man die Situation in Europa betrachtet. 30 Jahr Bund laut Bloomberg heute bei 2,37%, bei anderen AAA/AA Staaten sieht es nicht viel anders aus, hinzu kommt dann bei einigen noch das Währungsrisiko mit entsprechenden Kosten beim Hedging. Die niedrigen Zinsen werden laut Bernanke auch noch bis mindestens 2014 nicht erhöht mit jedem Jahr Niedrigzins sinkt die Gesamtverzinsung der Anlagen eines Versicherers. Das betrifft nicht nur Lebensversicherungen, so dass in Zukunft wohl auch einige Risikoversicherungen teurer werden.

    • Bis zu den Risikoversicherungen wird das nicht durchschlagen, da die eine völlig andere Kalkulationsgrundlage haben und keine Vorgaben, wie Rücklagen zu investieren sind. Bei den Lebensversicherungen ist es wirklich kritisch. Die – ich nenne es mal – Verbraucherschutzmaßnahme Solvency II hat die Versicherungslobby gerade um sieben Jahre in die Zukunft gedrückt! Die Regeln für die Kapitalbesicherung bei klassischen Lebensversicherungen wird voraussichtlich erst ab 2020 zur Pflicht. Das heißt also, dass die Lebensversicherer das gerade gar nicht leisten können, ebenso wie sie es in den nächsten Jahren voraussichtlich nicht können werden, obwohl sie immer weniger an die Kunden auszahlen müssen, wie die aus Überschüssen bezahlte Sicherungsrückstellung zeigt.

    • Yay, das war ein angenehmer Effekt des Auswanderns: Den Euro los werden. Meine Lebensversicherungen habe ich alle gekuendigt und in Sachwerte umgeschichtet.

      Ihr seht beide das Waehrungsrisiko. Ich halte das fuer den Euro fuer gross genug, dass ich nicht glaube, dass der Bestand hat die naechsten Jahre. Wie seht ihr das? Wie meint ihr, wirkt sich das auf Lebensversicherungen aus? Ich muss noch jemand ueberzeugen zu kuendigen 😉

      Sorry fuer den holprigen Stil, aber anscheinend verlerne ich gerade deutsch.

      • Ich denke der Euro wird um jeden Preis gerettet, die Frage ist eher wie dies passiert. Mit der Truppe die momentan am Werk ist würde ich eine 30er Jahre Depression nicht ausschließen (die gleichen Rezepte die damals schon nicht funktionierten werden heute auch verwendet), es ist sehr schwer für einen Durchschnittsverdiener (selbst einen der vergleichsweise gut spart) sich dagegen zu schützen.

        Was die Überzeugungsarbeit angeht, das habe ich längst aufgegeben. Die Gegenargumente sind hier und andernorts denke ich alle dargelegt. Ein einfacher Blick auf das, was man im Kündigungsfall oder bei Auslaufen des Vertrags, mit Gegenüberstellung dessen was man eingezahlt hat sollte eigentlich zur Überzeugung reichen. Die Leute wollen es nur nicht hören, das nennt man unter Ökonomen auch den „sunk cost effect“. Je mehr man finanziell reingesteckt hat desto mehr hängt man auch an seiner Versicherung.

        Frag mal jemanden warum er/sie sich für diese Anlageform entschieden hat, die Basis der Entscheidung basiert meistens schon nicht auf Fakten, wie will man dem noch mit Fakten beikommen? Meine Lieblingsantwort ist immer „Davon verstehe ich nichts“.

      • Das entspricht weitgehend meinen Erwartungen.

  3. […] Wie ernst die Lage ist, zeigt das Verhalten der Versicherer den Kunden gegenüber und die Lobbyarbeit, die sie aktuell betreiben: Da ist die Verweigerung der Beteiligung der Kunden an den Kostenüberschüssen, die die Allianz ja jetzt schon betreibt. Da ist die Einbehaltung eines Teils der Überschüsse als Sicherungsrückstellung seit ein paar Tagen. Da ist auch die im Zuge der Umstellung auf Unisextarife fast überall vorgenommenen Erhöhungen der Prämien über das tatsächlich benötigte Niveau, um zukünftige demografische Veränderungen abpuffern zu können, etc. Und da ist auch ganz besonders die Aussetzung der Anforderungen an die Eigenkapitalquote im Rahmen von Solvency II um volle sieben Jahre (!) zu nennen. Es gibt noch eine ganze Reihe von Gründen, warum Sie keine klassische Lebensversicherung haben sollten. […]

  4. […] wäre sicher, weil sie das meiste davon in einer klassischen Lebensversicherung eingelagert haben: Zehn Gründe, die dagegen sprechen hatte ich schon genannt, seit diesem Jahr ist ein elfter Grund Gesetz. CAC steht für Collective […]

  5. Lebensversicherungen verändern über die Laufzeit Ihre Bedingungen und daher ist es immer wieder wichtig die eigene Lebensversicherung in einem Vergleich Rechner mit verschiedenen/neuen Lebensversicherungen antreten zu lassen. Viele neue Vergleich Rechner berechnen schon sofort das Risiko und man kann eine Risikoversicherung abschliessen.

    • Eine reine Todesfallabsicherung ist ohne Frage wichtig für jeden, der andere absichern muss. Die klassische Lebensversicherung ist jedoch ein Kapitalaufbauprodukt mit meist unzureichender Todesfallabsicherung, hohen Kosten und in Deutschland mit einem hohen politischen Risiko behaftet.

  6. Lebensversicherung vor dem Umbruch – ERGO geht weg vom Garantiezins

    Der Garantiezins bei der Lebensversicherung ist längst nicht mehr das, was er war. In Zeiten niedriger Zinsen führt ein hoher Garantiezins bei Altverträgen dazu, dass die Versicherer schauen müssen, woher sie das Geld für den garantierten Zinssatz bei…


Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: