Solvency II – die Marktbereinigung bei den Lebensversicherern

Solvency II – davon haben die meisten Bürger, die nicht regelmäßig tiefgründig durch die Wirtschaftsnachrichten stöbern noch nichts wahrgenommen. Oft noch nicht einmal, wenn sie selber beruflich mit Banken und Versicherungen zu tun haben. Um was geht es?

Am 01.01.2013 gibt es eine neue Richtlinie der EU. Nach den dann geltenden Kriterien muss jede Versicherungsgesellschaft vereinfacht gesagt für jedes Versprechen, das sie gibt auch nachweisen, dass sie das bezahlen kann. Man sollte annehmen, dass das dem gesunden Menschenverstand entspricht und es auch so gut heißen. Tue ich auch! Liegt die Realität also derart weit ab vom gesunden Menschenverstand?

Die Sachversicherungsunternehmen, die Risiken wie Hausrat, Haftpflicht, Wohngebäude und derartiges absichern, haben damit kein Problem, ebensowenig wie die privaten Krankenversicherungen. Für die Lebensversicherer ist das jedoch eine enorme Hürde, denn die gegebenen Versprechen werde einige nicht halten können!

Um was geht es genau? Ich versuche mal einen Überblick zu geben. Seit der Finanzkrise, die 2007 auf die Immobilienkrise in den USA in 2006 folgte, haben sich diverse Stellen Gedanken zum Finanzsystem und dessen Krisenfestigkeit gemacht. Am 10. 07.2007 wurden das Projekt Solvency II dem europäischen Parlament und Rat von der europäischen Kommission vorgelegt. 2009 wurden die vorgelegten Richtlinien vom europäischen Parlament und den Finanzministern beschlossen. Die Umsetzung soll zum 01.01.2013 stattfinden.

Inhalt ist der Nachweis eines Minimumkapitals, um vertragliche Verpflichtungen gegenüber den Kunden auch bedienen zu können, sowie eines Zielkapitals, so dass eine weitere große Krise diesen Markt nicht zusammenbrechen lässt. Weiterhin sollen Mindestqualifikationen für die Mitarbeiter nicht nur der Führungsebenen von Versicherungsunternehmen gelten. Und zu guter letzt soll eine umfassende Berichterstattungspflicht der Versicherungsunternehmen gegenüber diverser Aufsichtsbehörden stattfinden.

Der letzte Punkt ist leicht zu erfüllen, das ist eher eine Verwaltungsaufgabe. Der zweite Punkt ist schon kniffliger: Das erforderliche Personal ist europaweit absolute Mangelware. Oder anders gefragt: Wieviele Menschen in Ihrem Bekanntenkreis haben als Beruf Aktuar, Finanzmathematiker oder Risikomanager? Das Problem ist dabei auch, dass derart gesuchte Qualifikationen einiges mehr an Personalkosten bedeutet. Der erste Punkt jedoch, das verfügbare Kapital, ist ein gewaltiger Knackpunkt:

Das Unternehmensberatungshaus Towers Watson stellt hierzu fünf wesentliche Herausforderungen für die Lebensversicherer heraus. Mit der Umsetzung der rechtlichen Vorgaben haben bislang 90 % der Versicherer noch große Schwierigkeiten und selbst der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft e. V. sieht in der Umsetzung der Vorgaben eine Großbaustelle.

Gut ein Viertel der Lebensversicherer in Deuschland könnte somit in Not geraten. Laut Cash.online ist mit einer Marktbereinigung zu rechnen. Kleinere Gesellschaften werden wohl vermehrt in größeren aufgehen, die diese Kriterien erfüllen. In entsprechenden Schwierigkeiten sind laut Klaus G. Leyh Gesellschaften mit bis zu 200, möglicherweise auch bis zu 500 Mitarbeitern.

Was bedeutet denn das nun für die Kunden? Die Übernahme kleinerer Gesellschaften durch größere führt konzernintern in der Regel zu Umstrukturierungen, die über Jahre hinweg wie eine Bremse wirken. Gebremstes Wachstum = gebremste Überschüsse = gebremste Überschussbeteiligungen, richtig?

Das Problem mit dem Solvenzkapital ist noch gravierender. Einfach gesprochen muss für jede Garantie, die versprochen wird, auch nachgewiesen werden. Die Unternehmen müssen also erklären, warum zum entsprechenden Zeitpunkt das Kapital verfügbar ist, um diese Garantie auch zu erfüllen. Das bedeutet: Kapitallebensversicherungen aus den 90er Jahren, die noch 4 % Garantiezins haben, müssen zum Auszahlungsdatum X, also meinetwegen in 10, 20 oder bei Kinderpolicen in 40 Jahren, diese Verzinsung auch nachweislich erbracht haben. Gegenwärtig können Versicherer aber kaum Renditen oberhalb von 2 % erwirtschaften, eine Besserung ist auch nicht in Sicht. Das liegt an der komplexen und sehr unflexiblen Konstruktion des Deckungsstocks, mit dem Garantien erwirtschaftet werden müssen und Überschüsse erzielt werden sollen. Das ist jetzt die Stelle, an der Versicherungsunternehmen in echte Erklärungsnot kommen.

Was bleibt denn jetzt an Möglichkeiten für ein Versicherungsunternehmen? Ist es finanzstark, kommt es vielleicht mit ein paar blauen Augen davon, kann vielleicht noch günstig das eine oder andere kleine Unternehmen aufkaufen. Ist es finanzschwach, wird es wohl aufgekauft, aufgelöst und bestenfalls als Markenname weitergeführt werden. Eng wird es für alle Versicherer, insbesondere wenn nach der Kauflust der Geldbeutel leer ist.

Selbst dann gibt es noch ein Stellschräubchen, über das derzeit möglichst nicht gesprochen wird: Der unabhängige Treuhänder. So ziemlich jede Kapitallebensversicherung besitzt eine Klausel, nach der ein unabhängiger Treuhänder einer Versicherungsgesellschaft erlauben kann, einseitig Vertragsbedingungen ohne Zustimmung des Kunden zu ändern.

Fazit: Ich erwarte, dass im Rahmen der Umsetzung von Solvency II einige Versicherungsgesellschaften verschwinden werden. Ferner erwarte ich, dass mit Zustimmung der BAFin der Garantiezins auch für Altverträge auf 1,75 % gesenkt werden wird. Ich erwarte ebenfalls, dass die Kapitallebensversicherung außer vielleicht als reine Sterbegeldversicherung nun endgültig ins Grab steigen wird. Das gibt Platz und Raum für neue, intelligente und transparente Anlageformen, die weniger garantieren, dafür aber möglichst hohe Rendite bei möglichst hoher Sicherheit zu erreichen versuchen. Variable annuities oder intelligente CPPI-Varianten sind bereits eine echte Alternative zur Kapitallebensversicherung oder zur reinen Fondspolice.

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One CommentHinterlasse einen Kommentar

  1. […] Veränderungen abpuffern zu können, etc. Und da ist auch ganz besonders die Aussetzung der Anforderungen an die Eigenkapitalquote im Rahmen von Solvency II um volle sieben Jahre (!) zu nennen. Es gibt noch eine ganze Reihe von Gründen, warum Sie keine […]


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